Sind Sie überhaupt reflexionsfähig?

Schaut man ein wenig hinter die Kulissen der Coaching-Szene, taucht ein Wort auffällig häufig auf: Reflexion.
Wurde früher schlicht von Nachdenken (über etwas) gesprochen, heißt es jetzt ganz modern „reflektieren“. Auch die Wirtschaft will reflektierte Persönlichkeiten einstellen, also vermutlich Personen, die schon einmal über sich, die Welt und den ganzen Rest (frei nach Douglas Adams „per Anhalter durch die Galaxis“) nachgedacht und eigene Schlüsse daraus gezogen haben.

Menschen, die „mal nachdenken sollten“, es aber aus Sicht anderer nicht tun, werden oft und gerne als „nicht reflexionsfähig“ bezeichnet.

Theoretisch ist absolut  jeder Mensch in der Lage zu „reflektieren“. Doch ist es wenig sinnvoll, einfach nur so vor sich hinzudenken. Erst wenn die Erkenntnisse des Reflektierens Zusammenhänge erkennen lassen und diese Erkenntnisse auch „transferierbar“ auf andere, ähnliche Situationen sind, wird das Reflektieren lohnenswert.

Im Coaching soll nun „Reflexion ausgelöst“ werden (häufig in genau dieser Form ein Zertifizierungskriterium einiger Coaching Verbände). Verbunden ist damit bei vielen „beratenden“ (Coach analysiert) Coachs der Wunsch, dass sein Coachee mal genau über dieses „Angebot“ seines Coachs nachdenkt, weil der Coach das als Problem sieht. „Welche Vorteile haben Sie, wenn Sie die Dinge so tun wie bisher?“ Der Coachee wird in eine Richtung gelenkt, die der Coach selbst  für sinnvoll hält.
Theoretisch ließe sich auch mit der Frage „Was hat Ihr Problem mit einer Dose Cola zu tun?“ Reflexion auslösen.
Ob die Erkenntnisse aus o.a. Beipielfragen „transferierbar sind, ist bisweilen vielleicht fraglich.

„Die“ Reflexionsfähigkeit eines Menschen hängt u.a. von folgenden Faktoren ab:

  1. LUST
    Der Reflektierende hat „Lust“ neue Erkenntnisse zu gewinnen. Er hat die emotionale Bereitschaft, von Zeit zu Zeit langsam zu denken (analog Daniel Kahneman „Schnelles Denken, langsames Denken“).
  2. TRANSFER
    Die Erkenntnisse liefern dem Reflektierenden aus seiner Sicht einen umsetzbaren Beitrag zu seinem psycho-biologischen Wohlbefinden und sind transferierbar auf andere Kontexte.
  3. HARDWARE
    Ähnlich wie bei Computern entscheidet auch beim Menschen die Hardware, d.h. das, was von Natur aus als Prozessor eingebaut wurde. Manche Menschen wurden hier von der Natur beschenkt, andere etwas benachteiligt.
  4. TRAINING
    Unser Gehirn will benutzt werden. Je häufiger gedacht wird, desto besser wird dieser „Muskel“ entwickelt. Neurowissenschaftlich gesehen, genügt hier nicht das Denken als solches, sondern das wiederholende Verknüpfen neuer Erkenntnisse mit Bekanntem. Ohne eine Lust am Denken kein Wachstum.
  5. DEDUKTIVES DENKEN
    Übung im Perspektivwechsel und Ableiten aus Strukturen
  6. SYSTEMISCHES DENKEN
    Denken in Zusammenhängen und Folgen
  7. SOFTWARE
    Reflexion braucht Strukturen (Definitionen, Modelle, Axiome, uvgl.)
    Erst die Verfügbarkeit von selbst erarbeiten (durch Reflexion entstandenen) oder wissenschaftlich prüfbarer Strukturen ermöglicht eine systematische (und systemische) Analyse und Bewertung des eigenen Handelns oder des Handelns anderer Personen und Organismen.
    Bsp.: Erst wenn ein Verständnis des Begriffes Wert und seines Zusammenwirkens mit Motiven und Werten in Kontexten da ist (MVWK Modell), kann jemand sich selbst zu Reflexion die Fragen stellen:
    „Was war dem anderen in dieser Situation (Kontext) wichtig? Was war mir wichtig? Worin unterscheidet sich das? War ich mit meiner Orientierung an meinen eigenen Werten erfolgreich? Wie hängt das mit meinen Motiven zusammen? Welches Verhalten habe ich gezeigt?“
    Je mehr Analyse-und Bewertungsstrukturen für unterschiedliche Situationen verfügbar sind, desto höher ist in der Regel die Reflexionsfähigkeit.
  8. MENSCHENBILD
    In Würdigung der Erkenntnisse McGregors ist auch das Menschenbild von Bedeutung. Halte ich mich oder andere Menschen für „dumm“, traue ich mir oder anderen das Reflektieren womöglich nicht zu.

 

Eine Meßlatte für Reflexionsfähigkeit gibt es nicht.

Das Vorhandensein der o.a. Faktoren ließe sich jedoch als Grundlage verwenden. Sobald innerhalb der Faktoren eine Gewichtung der Ausprägung vorgenommen wird, ist es möglich, einen „Zahlenwert“ zu formulieren, der als Indikator für die Reflexionsfähigkeit dienen könnte.
 

 

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