Hoch leben die Problemfokussierten

Ausgebuht durch die Lösungsfraktion der Maßnahmendenker, fristeten auf ein Problem fokussierte Menschen lange Zeit ein Schattendasein. Der Chef hatte sich etwas in den Kopf gesetzt und das galt es umzusetzen. Dass damit auch Probleme einhergehen können, darf selten geäußert werden. Zu schnell steht man selbst im Abseits.

Zugegeben – die einhundert prozentige Sicherheit gibt es nicht. Entscheidungen müssen mit einer gewissen Portion Mut zum Wagnis gefällt werden. Solange mit Mut Erfolg einhergeht, ist alles ok.

„Ja zum Risiko – wir schaffen das“ ist eine Mentalität, die sich viele CEOs von Ihren Mitarbeitern wünschen, um Ihre Vorhaben voran zu bringen. Letzten Endes hat ohnehin der CEO die Verantwortung. Als Mit-Arbeiter kann ich da also ruhig mit-machen. (Nur sollte ich zusehen, dass ich Notizen habe, um später ggf. zu beweisen, dass das alles nie auf meinem Mist gewachsen ist).
Denn was passiert, wenn ich mal nicht mit-mache und die Richtigkeit einer Lösung bezweifle? Schnell setzt ein moralischer Altruismus (wir wollen ja alle nur das Beste) aus dem Umfeld ein: Du bist ja auf´s Problem fokussiert. Das ist hier jetzt aber absolut nicht angesagt. Wir brauchen keine Probleme, wir brauchen Lösungen. Kurz: Problemen wird mit Totschlagargumenten begegnet.

Selbstverständlich werden Lösungen gebraucht. Nur ob das die passende Lösung zum Problem ist, ist selten klar. Linear gedacht, also Aktion=Reaktion ist z.B. das Suchen von freien Flächen in Hamburg eine Lösung, um darauf Wohnungen zu bauen. Ein problemfokussierter Mensch, der sowohl systemisch als auch linear unterwegs sein kann, hätte hier vielleicht anmerken dürfen, dass damit u.a. zeitgleich eine Belastung sämtlicher vorhandener Infrastruktur einher geht und gefragt, ob hierzu Daten vorliegen, um die Vorhaben besser zu bewerten. Noch weiter könnte gegangen werden, würde einmal gefragt, für welches Problem ist das (der Wohnungsbau) eigentlich die Lösung?
Gibt es wirklich  „Wohnungsmangel“? Oder nur zu wenig bezahlbaren Wohnraum? Oder braucht Hamburg nominell mehr Personen? Weil die Wirtschaft vielleicht so stark wächst und Humankapital benötigt wird? Lösungen kosten Ressourcen. Falsche Lösungen sind eine Verschwendung von Ressourcen.
Dieses kleine Beispiel soll ein wenig Appetit darauf machen, dem Problem wieder etwas mehr Beachtung zu schenken, bevor (vorschnell) in Lösungen gedacht wird.

Zur Selbsthilfe eine kleine „Drei-Schritt-Folge“ aus dem systemischen Coaching:
Wenn Sie eine „Lösung“ entdecken und sie überprüfen wollen:
1. Fragen Sie sich: „Für welches Problem bzw. Thema ist das eigentlich die Lösung?“
2. Wenn Sie das Problem benennen können: „Wie lautet der aktuelle Zustand (IST)?“
3. Die Zusammenhänge betrachten (systemisch): „Wer und/oder Was hängt damit (mit den IST) zusammen?“
Für die Antworten auf Punkt 3 gilt es Lösungen zu finden. Ist das bisher geschehen?

Probieren Sie das doch mal mit den „Lösungen“ Projektmanagement, Personalentwicklung, NewWork, … oder auch Vertrieb“

Um Lösungen zu finden, müssen das Problem und das womit es zusammenhängt bekannt sein. Ohne eine anfängliche Problemfokussierung geht es nicht. Vielleicht ein Gesetz der Logik.

Sämtliche Logik, Ratio, Besonnenheit udgl. Geht aber verloren, wenn „Lösungsorientierung“ der alleinige Maßstab ist. Und ein Fehlverhalten, d.h. eine fehlende Orientierung an diesem Maßstab auf der Stelle sanktioniert wird. (psychologisch übrigens ganz spannend: Da einem der Beifall der anderen sicher ist, wenn man jemandem für seine „Problemfokussierung sprachlich abstraft, erfolgt ein sofortiger Reiz des Belohnungszentrums im Hirn. Es macht also sprichwörtlich „geil“. Die RUB forscht in dieser Richtung. Der Gedanke wurde auch im MVWK Modell 5 aufgegriffen.)

Vielen Deutschen Projekten ist die einseitige Lösungsorientierung meiner Meinung nach zum Verhängnis geworden. Gehörte „früher“ eine Vorwegnahme potentieller Probleme zum „guten Ton“ für eine verlässliche Planung, ist heute „Erfolge/Ergebnisse schnell liefern“ das höhere Gut. Und da alle glauben, vom Wettbewerb überrollt zu werden, wenn es ein wenig langsamer zugeht und der Blick mal auf das eigentliche Problem gerichtet wird – wir das wohl nichts.

Die Schweizer machen es uns u.a. beim Tunnelbau vor: Er werden erst alle „Probleme“ gehört und dann in der Planung abgebildet. Und dann geht es los.
Hätten die Schweizer in fröhlich deutscher Manier ausschließlich in Lösungen gedacht, wäre das bei so einem langfristigen Projekt wie einem Tunnel vermutlich ein Fiasko geworden.
Und würde man jetzt DIE Schweizer als Wettbewerber ansehen, würde man feststellen, dass die Schweizer im Endeffekt schneller sind und auch im Kostenrahmen bleiben. Es lebe der Konjunktiv.

Ach so..:
Wussten Sie, dass die Dänen in der Regel mit Ihrer Familie zu Abend essen und deswegen pünktlich Feierabend machen? Das dänische Herangehen an Projekte beschäftigt sich sogar mit dem Problem des Miteinanders bevor es losgeht. Die 60 Stunden Woche ist vielleicht eine Erfindung der Lösungsorientierten Maßnahmendenker oder „firefighter“.
Interessant ist vielleicht, dass in diesen hyperventilierenden, voll dynamischen und total agilen Unternehmen eine „Change“ zum totalen Stillstand führen kann. Da alle sowieso so wahnsinnig motiviert sind und wahnsinnig viel arbeiten, ist das Pensum obenauf, dass der Change mitbringt, oft zu viel. Es sind alle Reserven aufgebraucht.

Zu guter Letzt
Probleme und Langsamkeit bilden keinen logischen Zusammenhang.

Ist ein Problem benannt, ist es Zeit für eine Lösung. Die Zeit, die es braucht, bis hier eine Lösung gefunden und realisiert wurde, die macht Unternehmertum aus. Nur ein Problem und sei es nur potentiell nicht zu benennen wäre schlichtweg falsch.

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