Die Methodik der Neuen Hamburger Schule

Durch Coaching soll in Bezug auf ein Veränderungsthema eine nachhaltige Selbstorganisation bzw. eine nachhaltige Handlungskompetenz entstehen. Um diese erwartete Wirkung zu erzielen, bedarf es der Nutzung wissenschaftlicher Methoden um etwas zu erreichen (der Gegensatz bildet intuitives und spontanes Handeln). Aus den Grundlagen des Coachingverständnisses – dem Fundament ergibt sich

Die Haltung des Coachs in der generellen Handhabung der Methode

Der Coach beachtet konsequent die Erkenntnisse des Konstruktivismus, das systemische Denken und die Fakten des Kontextes. Er orientiert sein Verhalten in der Handhabung des Coachingprozesses an den Werten von Coaching. Freiheit, Freiwilligkeit, Ressourcenverfügung und Selbststeuerung.

Die Methodik

Sie formuliert mit welcher Strategie und mit welchen Mitteln die Wirkungserwartung von Coaching erreicht wird. Coachingprozess als auch eingesetzte Mittel müssen, basierend auf dem Fundament, das Ziel von Coaching, die Werte von Coaching, das systemische Denken, die Fakten des Kontextes, die Axiomatik und die Kompatibilität zu Kompetenzmodell und MVWK Modell beachten. Und, um der Definition Methodik gerecht zu werden, ebenfalls dem Anspruch wissenschaftlicher Überprüfbarkeit genügen. Die Methodik der Neuen Hamburger Schule beschreibt, mit welchen „Methoden“ die Wirkungserwartung von Coaching realisiert wird.

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Induktives und deduktives Denken

Modelle, der Wirklichkeit die wir uns selbst (induktiv) erschaffen sind Ausdruck unserer (emotionalen) Erfahrung. Nutzen wir unsere konstruktivistisch entstandenen Modelle, um daraus Entscheidungen für etwas abzuleiten (deduktiv), besteht die Gefahr, dass wir nur das erkennen, was auf unseren Erfahrungen beruht. Denn unsere kognitiven Strukturen begrenzen unsere Wahrnehmung. Eine Entscheidung, die rein aus dem emotionalen Impuls heraus entsteht, blendet gar große Teile erkennbarer Zusammenhänge aus.

Wird, um eine Entscheidung zu treffen, zusätzlich auf ein Modell zurückgegriffen, dass nicht aus dem eigenen Konstruktivismus geboren wurde, sondern auf wissenschaftlichen Fakten basiert und daraus (deduktiv) Erkenntnisse abgeleitet, entsteht der Vorteil, so zu einer besseren Qualität der Entscheidung zu gelangen.

Deduktives Denken im Coaching entspricht einem Perspektivwechsel. Statt etwas aus sich selbst heraus (induktiv) zu bewerten, wird die Perspektive in ein Modell bzw. in eine abstrakte, deduktive Ebene vorgenommen. Diese Perspektive ermöglicht aufgrund des emotionalen Abstandes einen verbesserten Zugriff auf die eigenen Möglichkeiten etwas zu erkennen. Systemisch-konstruktivistisches Coaching im Sinne der Neuen Hamburger Schule ist sich dieser Tatsachen bewusst und nutzt den Vorteil des deduktiven Denkens zur Unterstützung der Wirkungsabsichten der Teilphasen des Prozesses und in besonderem Maße zur Unterstützung der Grundanliegen von Coaching.

Hypothesenbildung des Coachs

Es geht darum, auf die eigene Deutung des Themas als Coach bewusst zu verzichten und möglichst präzise Hypothesen zu bilden, damit der Coachee sie mit seinem Thema in Verbindung bringen (andocken) kann.

Da die eigene Lebenserfahrung rein konstruktivistisch ist, orientiert sich die Hypothesenbildung ausschließlich an veröffentlichten, wissenschaftlich überprüfbaren Modellen, Theorien und Axiomen. Der Coach hört dazu seinem Coachee in Phase 1 und 2 des Coachingprozesses aufmerksam zu und vergleicht die gehörten Wörter mit Wörtern aus ihm bekannten Modellen, Theorien oder Axiomen. Findet er ein dem Wortstamm nach identisches (nicht durch ihn gedeutetes) Wort, kann er die Hypothese bilden, dass das betreffende Modell bzw. Theorie oder Axiom eine Relevanz als Feedbacksystematik zur Ressourcenidentifikation in Phase 3 hat.

Der Perspektivwechsel als zentrale Unterstützung der Grundanliegen und Wirkungsabsichten innerhalb des Coachingprozesses

Ein Perspektivwechsel hilft dabei, eine andere Sichtweise einzunehmen und zu Erkenntnissen zu gelangen, die bei einem Blick auf die Dinge aus der eigenen Person heraus nicht erkannt werden können. Mit ihm einher geht ein verbesserter Zugriff auf die eigenen Ressourcen, da der „Tunnelblick“, der durch die Emotionen, die mit der „Deutung aus der eigenen Person heraus“ einhergehen, verursacht wird, gemildert wird. Nicht nur in einem konsequent systemisch-konstruktivistischen Coaching findet der Perspektivwechsel daher eine hohe Beachtung.

Ein Perspektivwechsel kann auf verschiedene Arten und Weisen entstehen:

  •  Durch die Einnahme der Perspektive einer anderen Person
  •  Durch die Einnahme der Perspektive des thematisch relevanten Kontextes
  •  Durch die Einnahme der Perspektive aus einer Zukunft heraus
  •  Durch Einnahme der Perspektive einer, auf einem Modell, einer Theorie oder einem Axiom basierenden, Feedbacksystematik

In einem systemisch-konstruktivistischen Coaching ist der Perspektivwechsel fest im Prozess verankert und wird nicht vom Coach initiiert. Wählte der Coach konstruktivistisch aus, mit wem oder was ein Perspektivwechsel zu erfolgen hat, weil seiner Meinung nach genau die daraus folgende (mögliche) Erkenntnis wichtig für seinen Coachee ist, gefährdet seine Auswahl den Wert „Freiheit“. Dieser permanente Perspektivwechsel ist die zentrale methodische Unterstützung innerhalb des Prozesses, um die Wirkungsabsichten und damit auch die nachhaltige Selbstorganisation zu realisieren. Der Coachingprozess nutz eine Vielzahl von unterschiedlichen Möglichkeiten, einen Perspektivwechsel zu initiieren.

Feedbacksystematiken

Feedback (von englisch feed = füttern, nähren und back = zurück) ist die zeitnahe Rückmeldung einer Wahrnehmung oder die Beurteilung von etwas nach einem allen Beteiligten verfügbaren Maßstab. Rückmeldungen sind Voraussetzung für die Entwicklung von Kompetenz. Aus dem Vergleich der Rückmeldung mit der Selbstwahrnehmung des eigenen Verhaltens werden Veränderungen im eigenen Verhalten abgeleitet. Eine Feedbacksystematik ist ein „Rückmeldemaßstab“ für Entscheidungen in einem Kontext.

Konstruktivistische Taxonomiestufen

Konstruktivistisches Lernen orientiert sich an vier so genannten Taxonomiestufen (griech. taxis=Ordnung)

  1. Faktisch richtiges Wissen
  2. Kontextbezogenes Anwenden von Wissen
  3. Reflexion systemischen Agierens
  4. Konstruktivistischer Kontexttransfer

Soll der Coachingprozess so gut „gelernt“ werden, dass ihn der Coachee selbst auf ein als ähnlich empfundenes Thema übertragen kann, geht es einerseits darum, dass der Coachee verstanden hat, welche Wirkungserwartungen der Prozess, seine Phasen und Teilphasen verfolgen, andererseits jeden Inhalt des Prozesses in den vier Taxonomiestufen durchlaufen hat.

Die 3 zentralen Anliegen des Coachingprozesses

Der Konstruktivismus beeinflusst die Wahrnehmung von Zusammenhängen und verfügbaren Ressourcen und dadurch die Entscheidungsbildung und die Entwicklung von Handlungsalternativen, die zu einer thematischen Handlungskompetenz führen.

Je besser Zusammenhänge und verfügbare Ressourcen erkannt werden können, je sicherer die Entscheidung ist, was für die Veränderung relevant ist, desto wahrscheinlicher entstehen Handlungsalternativen für eine zukünftig erfolgreiche Selbstorganisation.

Für den Coachingprozess heißt das, dass zur Erreichung einer nachhaltigen Selbstorganisation 3 zentrale Anliegen zu realisieren sind:

  • Wahrnehmungserweiterung auslösen
    Die Wahrnehmung in Bezug auf die Zusammenhänge des Themas, die Attraktivität des Ziels und die zur Zielerreichung verfügbaren Ressourcen wird erweitert.
  • Entscheidungsfähigkeit sichern
    Jede Entscheidung, was mit dem Coaching-Thema zusammenhängt, welches Ziel formuliert wird, welche Ressourcen er als förderlich zur Zielerreichung identifiziert werden, welche Ressourcen gewählt werden, um daraus Handlungsalternativen zu entwickeln und wie das Controlling gestaltet wird, können aus einer fachlich begründeten, deduktiven Perspektive besser legitimiert werden.
  • Handlungsalternativen ermöglichen
    Aus der deduktiven Perspektive (vom Kontext her) werden Handlungsalternativen formuliert. Dieses Vorgehen ist eine Grundvoraussetzung, um Handlungskompetenz zu erreichen. Diese Anliegen finde Ihre Berücksichtigung im Zusammenspiel zwischen deduktiver und induktiver Ebene, sowie in den beschriebenen Wirkungserwartungen des Prozesses und seiner Teilphasen.

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Die Methodik des konsequent systemisch-konstruktivistischen Coaching basiert auf den, in Kapitel 1 beschriebenen Grundlagen – dem Fundament.

3 Grundanliegen sind neben der Wirkungserwartung von Coaching durch den Prozess zu realisieren.

Der Perspektivwechsel ist die zentrale Unterstützung der Grundanliegen und Wirkungsabsichten innerhalb des Coachingprozesses. Er wird durch die abstrakte, deduktive Ebene des Prozesses unterstützt. Diese Ebene nutzt die Hypothesenbildung des Coachs, sowie Feedbacksystematiken, um das deduktive Denken zu unterstützen.

Als fachliche Quellen nutzt der Coachingprozess u.a. die Kepner-Tregoe Methode, das selbstorganisierte Lernen, das Rubikon Modell Heinz Heckhausens und die Erkenntnisse der Transfertheorien, stellt aber als Ganzes eine eigenständige Entwicklung dar.

Die Taxonomiestufen unterstützen den Coachee darin, den Prozess zu lernen, so dass er ihn selbst konstruktivistisch anwenden kann.